2011? Sehr gerne…
Ungefähr zwei Jahre ist es her, da ergoss sich eine Flut der Freundlichkeit über die Servicewüste deutscher Großstädte. Nach dem bereits einige Zeit zuvor aus den USA importierten Lächelzwang, der den deutschen Verkaufsmitarbeiter zum Dauergrinsemaskottchen verhunzte, mussten nun auch noch dessen Lautäußerungen glattgefönt werden. In jedem Laden, der hauptsächlich von seinem Image und weniger von der Qualität seiner Produkte oder Dienstleistungen lebt, hört man seitdem nur noch eins: Gerne. Einen Espresso, bitte – gerne. Eine Bockwurst mit Senf – sehr gerne. Einmal Waschen und Schneiden, bitte – ach super, junger Mann, klar doch, gerne. Warum das Ganze? Warum dieses geklonte Ami-Theater? Warum genügt nicht ein: Alles klar, Wird gemacht, Bekommen Sie oder ein simples Jawoll? Der Deutsche als Weltmeister der Selbstvermeidung war eben schon immer anfällig für die flächendeckende Gleichschaltung unter der Agenda Abstrakte Hirnlosigkeit. Hauptsache nicht so sein wie man ist. Möglichst unnatürlich und das möglichst laut. Was überraschte, war die Schlagartigkeit der Gerne-Invasion. Es scheint, als wären damals alle heutigen Gerne-Lächlerinnen und -Lächler zeitgleich in Gerne-Feldlagern interniert worden, in denen sie eine Woche lang von Gerne-Coaches im täglichen Achtzehn-Stunden-Gerne-Drill zu Gerne-Robotern umfunktioniert worden sind. „Entschuldigung, Fräulein, das schmeckt nicht!“ „Macht doch nichts – Sie bekommen gerne noch eins – gratis, sehr gerne.“ „Was?? Wollen Sie mich verarschen?“ „Klar doch, gerne.“ Am Ende der Gerne-Weeks torkelten Kolonnen von Gerne-Zombies mit Schaum vorm Mund und Silberblick aus den Toren der Gerne-Camps, um die Welt im Gerne-Gerne-Takt zu erobern. Was früher das Chakka-Chakka war, ist heute das Gerne. He, Alter, alled schick? Gerne-gerne!
Mit der Gerne-Seuche in den Geschäften verhält es sich wie mit dem Zappen durch die privaten TV-Kanäle. Überall der gleiche Scheiß. Wechselt man den Sender, kommt der selbe Schmarren, nur noch bunter. Es gibt kein Entrinnen. Oder doch? In der Potsdamer Innenstadt existiert eine alteingesessene Bäckerei – der Fels in der Brandung des Gerne-Meers. Ohne stylishes Gesabbel verkaufen dort gestandene Bäckerfrauen mit familiär anmutender Grantigkeit ihre Backwaren… Und der Kunde spürt erleichtert, dass er sie auch 2011 alle mal gerne haben kann…
Noch´n Bier! grölt der Gast in der Taverne – der Kellner grinst ihn an: ja klar doch, sehr gerne.
Im Winter ab in den Süden, in der Ferne – das Plakat schreit mir zu – komm doch, sehr gerne.
Beim Bäcker, beim Fleischer, in der Tankstelle, ich lerne – super, bekommen Sie – na klar doch - gerne.
Du Arschloch! brüllt der Soldat in der Kaserne – weiß ich, grunzt der Spieß, sehr gerne.
Die Rakete zischt hoch und versprüht Sterne: 2011 – auf ein Neues: Sehr Gerne!
Loti Kioske, Dezember 2010
(Hinweis für den Bedenkenträger: Es handelt sich hier um Satire.)
