Diese Kurzgeschichte war meine erste überhaupt. Sie handelt Mitte der 90-er Jahre des letzten Jahrhunderts.
Endstation 42
Diese Kopfschmerzen! Ein gutes Dutzend Nadeln piekt kreuz und quer in meinem Kopf herum. Es ist halb elf. Der grelle Januartag knallt durchs Fenster wie eine Faust ins Gesicht. Mann, war das schlimm gestern… Wie ein Gelähmter wälze ich mich aus dem Bett und schlurfe in die Küche. Ich wohne im Neubaublock. Im fünften Stock. Seit Jahren schon. Es sind die typischen Blöcke, wie sie im Osten in den achtziger Jahren zu Tausenden aus dem Boden gestampft wurden. Sie sollten den Erfüllern des Fünf-Jahres-Planes als moderne Heimstatt dienen. Mit Fernheizung und integriertem Klo und so. Unser Neubaugebiet nennt der Volksmund „Golanhöhen“. Die Siedlung grüßt den Reisenden schon aus weiter Ferne, wenn er sich in diese Gegend verirrt. Heute sind viele Golanbewohner arbeitslos. Sie sitzen den ganzen Tag ratlos in ihren sozialistischen vier Wänden herum.
Unten auf der Straße lärmen Kinder. Sie freuen sich über den Schnee und haben eine Rutschbahn angelegt.
Ich schiele zum dritten Stock gegenüber - der dicke Bummi grunzt wohl noch. Kein Zeichen von diesem Kameraden, der Suff bewacht seit Jahren seinen Schlaf. Kürzlich eierte er mit seinem klapprigen SIMSON-Moped vor der Haustür los und krachte hundert Meter weiter gegen einen geparkten Wartburg. Ein aufmerksamer Nachbar rief die Polizei: 2,5 Promille. Seither hängt Bummis Kopf noch tiefer. Er hebt ihn nur noch für den Schnaps.
Der Spiegel im Flur belügt mich mit Augenringen und Gesichtsfalten. Meine Zunge will mir weismachen, ich hätte gestern Kümmerling getrunken. Alles Schwachsinn! Plötzlich sticht ein Speer von innen gegen das rechte Auge. Ich vermute, dass mein Körper mich verarschen will und ziehe mich an, um leere Flaschen runterzubringen. Vor der Wohnungstür läuft mir meine Nachbarin Simone über den Weg.

