Der Bürgermeister von Rostock

Anfang des Jahres 1995 sollten sich Leute bei einem Herrn Baumgarten in der Stadtverwaltung Rostock melden, die Lust hatten, das Amt des neuen Oberbürgermeisters dieser Hansestadt zu übernehmen. Ich erfuhr davon durch die Sächsische Zeitung. Obwohl ich bis dato noch nie in Rostock gewesen war, weckte der Artikel mein Interesse. Statt immerfort in die gebrochenen Augen der Arbeitsamtsvermittlerin in Zittau zu blicken, fand ich Gefallen an der Vorstellung, meinen Lebensmittelpunkt demnächst an die Waterkant zu verlagern. Ich wusste, dass ich mit einer Kandidatur um den vakanten Posten unter anderem gegen das Wende- und Skandalschwergewicht Günther Krause anzutreten hatte. Aber das war mir wurscht. Ich konnte auf dessen aktuelle Affären keine Rücksicht nehmen. Ich wollte endlich selbst dorthin!

An die 13.02.1995
Stadtverwaltung der Hansestadt Rostock
Personalamt
Herr Baumgarten
Neuer Markt 01
18050 Rostock


Kandidatur für das Amt des Oberbürgermeisters der Hansestadt Rostock

Sehr geehrter Herr Baumgarten,

ich kandidiere hiermit bei der Hansestadt Rostock für das frei werdende Amt des Oberbürgermeisters.

Die Zeit ist reif für den Kampf gegen Politikverdrossenheit, für die Trockenlegung des Parteiensumpfes, für die Entflechtung des Korruptionsfilzes und gegen die schlimme Ellenbogenmentalität in Ihrer schönen Stadt!
Die Rostocker Bürgerinnen und Bürger wollen einen jungen, dynamisch-motivierten Mann an ihrer Spitze, der ehrlich und glaubhaft ist, der den Mumm zur Direktentscheidung im Herzen trägt und sich dabei nicht vom Chor der Dauernörgler und Entscheidungsblockierer demoralisieren lässt. Es muss ein Ende haben mit dem wolkigen Geschwafel! Das Rad der Geschichte muss an der Ostsee wieder vorwärts rollen!

Ich bin 28 Jahre alt, ledig, parteilos und habe noch keine Kinder.

Über Erfahrungen in einem politischen Amt verfüge ich zwar nicht, doch mit gesundem Menschenverstand und unverstelltem Blick auf die Probleme lässt sich viel erzielen. Die Historie beweist, es sind gerade die Quereinsteiger, die die Dinge noch so sehen, wie sie wirklich sein sollen. Ich werde meine ganze Kraft auf mein Amt fokussieren. Nach einer kurzen Startphase mit schonungsloser Situationsanalyse werden die Rostockerinnen und Rostocker im Rahmen meines Sofortprogramms ROSTOCK KOMM ZURÜCK! sehr bald mit einschneidenden Veränderungen in allen Lebensbereichen rechnen dürfen. Mit der Beseitigung des Wasserkopfes und der Entbürokratisierung auf den Ämtern, der Verstärkung der allgemeinen Sicherheit (Stichwort: Polizei in die Produktion) sowie der Beendigung des unerträglichen Toilettennotstands im Innenstadtbereich möchte ich mich hier nur auf die populär verständlichen und vom allgemeinen Tenor als dringend empfundenen Themen beschränken. Langfristig werde ich vor den Toren der Hansestadt in Ansiedlungen von Investoren begrüßt werden, was zu einer nachhaltig dramatischen Senkung der Arbeitslosenquote führen wird.

Die Jugend ist unsere Zukunft! Sie hat wesentlich mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung  verdient als bisher von unsereiner angenommen. Dabei darf niemand glauben, dass die Situation nur mit halbherzigen Finanzspritzen für unausgereifte Gewaltprojekte gesundet, wie mehrfach in der Vergangenheit praktiziert. Oder mit der Zwangsintegration kritischer Jugendlicher in die FC-Hansa-Fanclubs – damit ist keinem geholfen! Das führte nachweislich nur zu noch mehr Randale bei den Heimspielen und nachher vor den Wohnblöcken der Migrantinnen und Migranten. Nein, Lebenshilfe ist gefragt! Die meisten Eltern sind da völlig überfordert. Fast alle von ihnen schweben ja selbst orientierungslos durch Raum und Zeit in dieser Gesellschaftsordnung. Auch sie sehnen sich nach Langzeitlösungen! Genau da setze ich an mit meiner Best-Practice-Direktive.

Wenn mir als einer, der leider nicht in dieser Stadt geboren werden durfte, auch herzlich wenig von der mecklenburgischen Mentalität mit ihrer unbeirrten Favorisierung des traditionell Bewährten innewohnt, so bin ich als Ostdeutscher sicher ein Stück weit sensibler gegenüber den Befindlichkeiten meiner Rostockerinnen und Rostocker als irgendein künstlich implantierter Westimport.
Durch einen früheren Beruf kenne ich mich gut aus in der Öffentlichkeitsarbeit und im Umgang mit der Presse. Die verschachtelten Gepflogenheiten und oft verwirrenden Förmlichkeiten bei Pressekonferenzen, Empfängen, Soireen usw. sind mir schon vertraut. Ich kenne die Grundsätze der sozialen Marktwirtschaft.

Es würde mich sehr freuen, wenn Sie mich bei der Besetzung des Amtes des Oberbürgermeisters der Hansestadt Rostock gut situieren. Für ein persönliches Gespräch stehe ich Ihnen gern, aber nur nach vorheriger rechtzeitiger Terminabsprache(!!!), zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Loti Kioske, Zittau

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PS: Das Rennen machte ein Westimport namens Arno Pöker. Er musste 2004 zurücktreten, unter anderem wegen breiter Kritik an seinem Führungsstil. “Pöker” bedeutet übrigens im ostnorddeutschen Selbstverständnis “Arsch”.

(Hinweis für den Bedenkenträger: Es handelt sich hier um Satire.)