Der Doppelkopf-Adler

Warum guckt der Dicke so? Was hat er? Sehe ich aus wie jemand, der hier gleich die Kalaschnikow ziehen will, um seine Probleme ein für alle mal loszuwerden – hää? Dieser Endfünfziger mit der Honeckerpelzmütze  hat in mir seinen Feind erkannt! Solche Gesichter kenne ich doch von früher. Die befehlshabenden Genossen bei der Nationalen Volksarmee musterten einen oft so – und spezielle Berufsschullehrer, die ihre Klassen zu Einheitspartei-Kollektiven glattstriegeln wollten. Seid wachsam – das ist die Fratze des Klassenfeindes! So sieht er aus. Ich befinde mich im Eingangsbereich bei Kaiser´s. Es ist Samstagmittag. An der Kasse staut sich eine Schlange. Ich flaniere den Wartenden entgegen. Auch die Öko-Mutti, die hinter dem Honeckernachfolger steht – die ihr Baby mit Batiktüchern an den Leib geklebt hat – fixiert mich. Ihre vorwurfsvollen Augen erinnern mich an meine Horterzieherin aus dem zweiten Schuljahr. Politisch korrekt zieht sie ihre Mundwinkel nach unten um Widerwillen und Abneigung zu dokumentieren. ´Mit allen klappts – nur mit dir nicht.´ höre ich sie denken. Um ein Haar hätte ich gewohnheitsmäßig den Kopf eingezogen, mir eine Bananenkiste geschnappt, mich an den Packtisch gesetzt und ne halbe Stunde geschämt.

Draußen in der Fußgängerzone treiben sich Umweltschutzwerber vom BUND herum. Sie verhaften einen Passanten nach dem anderen. Eines dieser Mädchen, die sich alle gebärden als würden sie die Kurvenlage beim Gleitflug üben, nimmt Kurs auf mich. Sie dreht aber sofort wieder ab nachdem sie mich zwei Sekunden lang abgescannt hat. Nicht mal die will mich. Im nahegelegenen Russenladen will ich mir eine Portion Borschtsch holen. Zwei nerzumhüllte Alt-Models, welche durch die Gänge wandeln, machen einen großen Bogen und starren mich an, als ob auf dem Roten Platz gerade eine Wasserstoffbombe explodiert wäre. Heute scheinen sich alle einig zu sein. Okay, es gibt Tage, da läuft man auf der Schattenseite.
Auf dem Nachhauseweg kommt mir ein Schwarzafrikaner entgegen. Er lächelt. Endlich mal einer. „Mire dita!” ruft er fröhlich im Vorbeischlendern. Ich stoppe.  Moment. Das kenne ich doch. Ich drehe mich um. Er winkt im Weitergehen: „Sprichst du die Sprache?” Ich bin erstaunt. Der hat mir eben einen Guten Tag gewünscht. Jetzt klingelt´s. Es ist meine neue rote Mütze! Auf ihrer Vorderseite prangt ein doppelköpfiger schwarzer Adler – das albanische Wappentier. Und unter seinen Krallen steht: ALBANIA. Huh – is klar, da spürt das geduckte Mitglied der urbanen Gemeinschaft Lebensgefahr. Vorsicht! Ein Hütchenspieler, Messerstecher, Zuhälter, Drogenhändler. Und der hat gar keine Scheu! Unverschämt. Der soll zurück auf die Reeperbahn oder ab in den Kosovo – soll dort seine Geschäfte weiterführen. Tatsache ist: Albanische Kriminelle setzen alle solche Kappen auf um den Deutschen zu zeigen, dass sie albanische Kriminelle sind.

Meine Mütze – ein Mitbringsel aus Tirana. Dort interessiert es niemanden, was man auf dem Kopfe trägt … sondern höchstens, was man in der Tasche hat …

Loti Kioske, Februar 2012

Beitrag für die Kolumne Schluss mit lustig im Heft März 2012 des Potsdamer Stadtmagazins friedrich.