Ein Stück weit Pipeline

(eine zeitnahe Zeugenaussage)

© Foto Markus Schweiss„Wir haben verdammt viel in der Pipeline. Lassen Sie es uns stringent zum Kunden transportieren!”
Was sich für die meisten Menschen wie die Arbeitsanweisung eines Schichtleiters in der Erdölförderung anhört, lässt bei Mitarbeitern einer ganz anderen Branche die Glöckchen klingeln. Nicht die Belieferung einer petrolchemischen Raffinerie mit der westsibirischen Tagesproduktion ist hier gemeint, sondern die Druckbetankung unschuldiger Bürger mit überflüssigen Produkten der Finanzdienstleistungsindustrie.     
Die Russen pipen ihr Öl gnadenlos gen Westen solange die Kohle von dort kommt, da braucht es keine Überredungskünste - es herrscht starke Nachfrage. Völlig anders verhält es sich bei den öligen Finanzverträgen, die von schmierigen Vertretern unter die Leute gepumpt werden. Die müssen den Low-Interest-Scheiß ins Volk verticken, den Vertriebsvorstände der Banken und Versicherungen präzise am Markt vorbei entwickelt haben. Denn ein solcher Vorstand muss der Welt von Zeit zu Zeit seine Existenz und deren Berechtigung nachweisen.
Die Aussicht auf Sonderprovisionen und auf exclusive Wellnessreisen verleihen den abgerichteten Außendienstlern dabei einen Arbeitseifer, der sie über die Grenze zur Straftat hinaus treibt. Der Kunde wird stundenlang in die Mangel genommen bis aus dem Vertreterbesuch ein Hausfriedensbruch geworden ist.
Das Haupthaar getrimmt wie der frühere Karl-Theodor ist das optische must-have dieser Männer. Als hätten sie ihren Kopf zu Hause unter die Pipeline des Heizöltanks gehalten und dann alles so lange nach hinten gekämmt und gefönt, bis es aussieht wie ein Stück brüchiger Asphalt.   
Damit der Verkauf des neuen Produkts so richtig lossprudelt, werden die Außendienstsoldaten vorab zu Massenveranstaltungen einberufen. Einladung zum Kick-off-Workshop heißt es da. Kick-off-Workshop - mit dieser Floskel begreift selbst der dämlichste global seller aus Hinterkrummhermsdorf die schicksalhafte Wichtigkeit dieser Fahnenappelle. Vorn steht meist ein Ziehkasper vom Range eines Vertriebsleiters. Einer aus der Galaxie Westerwelle, dessen einzige Lebenserfahrung darin besteht, früher von den großen Jungs in der Hofpause regelmäßig verdroschen worden zu sein, weil er sein dummes Zeug nicht für sich behalten konnte.
Da es speziell in dieser Branche üblich ist, sich nonstop gegenseitig beweisen müssen, dass Arbeiten das ein und alles im Leben ist und sonst nichts zählt auf dieser Welt, hat besonders ein solcher Mensch seiner Umwelt die Symptome eines Workaholics vorzuleiden. Quasseln in Überschallgeschwindigkeit, begleitet von nervösem Gesichtszucken, zeichnen ihn aus. Das cholerische Dauer-Gefuchtel seiner Arme, das sie ihm auf Coaching-Seminaren antrainiert haben, soll Motivation und Dynamik simulieren. Hinzu kommt der Zwang, ständig PowerPointDiagramme mit steilen Kurven von links unten nach rechts oben zu präsentieren - eine Art visuelles Mantra. Von seinem Desaster bemerkt er selbst gar nichts. Eigenreflexion zählt nicht zu den Stärken von an Arbeitssucht erkrankten Patienten.     
Die Sätze, die diese Sorte Mensch über ihren Zuhörern auskippt, erinnern an Trümmerfelder, die Hurrikans gelegentlich in US-amerikanischen Fertighaus-Siedlungen hinterlassen. Genau da, so scheint es, haben sich die Kick-off-Sprechpuppen Einzelteile ihrer Phrasen zusammen gesammelt. Egal, ob der Vokabel-Schrott Sinn hat, sorry - Sinn macht, es muss nach US-Propaganda klingen. Irgendwie nach worst case. Aus englischem Sprachkot und Sondermüll deutscher Zunge kittet sich der Kick-off-Meister sein Luftschloss des Verkaufserfolgs zusammen. Das hört sich dann ungefähr so an:

„Meine Damen und Herren, unser heutiger Kick-off- Workshop dient ein Stück weit dem Message-Transport zur ABSOLUTE-POWER-PACKAGE 3000 - Offensive. Der APP 3000 wird der Mega-Seller schlechthin. Unser deutschlandweites Monitoring zeigt einen riesigen Bedarf am Markt. Roundabout 80 Millionen Menschen zählen zu unserer Zielgruppe. Sorry, das ist halb Germany!
Das Portfolio ist Weltklasse: Komfortables Risk-Management gemeinsam mit sattem 1,5% Garantiezins bilden die Highlights unseres APP 3000. Geil oder? Ein echtes Leuchtturmprodukt. Best practice. Nachher erhalten Sie das Hand-out als Flyer zum morgen startenden Roll-out.
Im Vorfeld selektieren und im Nachgang abkassieren, meine Damen und Herren. Thats the name of the game. Die stringente Pilotierung des Projekts hat in einigen Agenturen bereits begonnen.
Der Zielkorridor für jeden lautet: Ein verkaufter APP 3000 pro Tag! Das ist zielführend und transportierbar. Da werden Sie mir zustimmen. Handeln Sie zeitnah! Starten Sie jetzt!
Meine Damen und Herren - mit unserem APP 3000, unserem ABSOLUTE-POWER-PACKAGE 3000, haben wir ordentlich was in der Pipeline. Damit sind Sie am Markt up to date. Ich werde nur positives Feedback von Ihnen hören! Work together! Generieren Sie sich Ihren Erfolg als Team! Das Zeitfenster ist weit. Jour fix ist der 23.12.. An Weihnachten sehen wir uns hier wieder. Da will ich nur Sieger und smiling faces sehen! Denn jeder von Ihnen hat ein Recht auf den APP 3000-TOP CLUB! Keiner soll außen vor bleiben. Dann geht’s los! Wenn Ihre customers zu Hause in der deutschen Kälte zittern, hä, hä, fliegen wir zum load up ins 12-Sterne-Recreation-Paradise FLORIDA BEACH nach Miami. Wellness der Sonderklasse.
Das lassen wir uns was kosten. Unsere Reisekasse wird voll sein dank Ihrer Leistungen. Da wird’s keine Kostendeckelung geben.
Meine Damen und Herren, finally, wir sind wahnsinnig gut aufgestellt. Jeder von Ihnen wird seine Leistung tausendprozentig abrufen. Da bin ich mir absolut sicher.   
Also, die customers warten sehnlichst auf unser product. Ich denke, da gehen wir alle d´accord. Bringen wir es auf den Weg.”

Das Einverstanden als d´accord ist hier ausnahmsweise französisch, wird aber von den Befehlsempfängern noch weniger verstanden als die englischen Worthülsen.       
Bei so viel Schwachsinn stellt sich die Frage: Warum quatscht der Verkaufsanstifter nicht in normalem Deutsch, sondern mit dem Vokabular aus Hohlkopf-Disneyland? Welcher debile Dämon hat sein Hirn vertilgt? Ob er das zu Hause auch so macht? Sagt er da zu seiner Frau: „He Schatz, ich hab was in der Pipeline. Und du bist gut aufgestellt. Lass uns unsere Leistung jetzt im Team abrufen…” ?
Denken diese Leute wirklich, dass mit diesem verbalen Stoppelacker mehr Business zustande kommt? Denken sie überhaupt?
Das Groteske ist - sein Auditorium spielt das Theater freiwillig mit. Menschen, mit denen man sich vor der Chefansprache normal auf Deutsch unterhalten konnte, folgen ganz still der Berieselung und tun so als ob sie den Quark verstünden und ob das alles so sein müsse. Alle verstehen nur Pipeline - aber keiner begreift was. Niemand der Unwissenden wagt es, den Meister zu fragen, was er denn mit roundabout meint oder was roll-out heißt - aus Angst, sich vor den anderen zu blamieren und nachher als der Dumme heimzugehen. Alle sitzen da, halten fein die Klappe und lassen sich von dem Sinnersatz beträufeln wie Hündchen, die vor dem Supermarkt im Regen brav auf die Rückkehr ihrer Herrchen warten.  
Geradezu irrwitzig wäre es, wenn die Vertriebler mit diesem Holterdipolter bei ihren Kunden tatsächlich zum Zuge kämen. Womöglich könnte man auf diese Tour endlich die Jugendlichen mit Migrationshintergrund erreichen.
„He Alter, isch hab Pipeline, krieg krass Kohle und flieg Miami, isch schwör. APP 3000, Hammer, unterschreib, du Opfer!”

Loti Kioske, Februar 2011

Hinweis für den Bedenkenträger: Es handelt sich hier um Satire.