Unlängst begegnete mir diese Geschichte von Siegfried Lenz. Er schrieb sie kurz nach dem 2. Weltkrieg. Ich finde sie sehr emotional und ich hoffe, es geht dem Leser ebenso…

Die Nacht im Hotel

Der Nachtportier strich mit seinen ungepflegten Händen über ein Heft und hob bedauernd die Schultern.
“Das ist die einzige Möglichkeit”, sagte er. “So spät werden Sie nirgendwo ein Einzelzimmer bekommen. Sie können natürlich noch in anderen Hotels nachfragen. Aber ich kann Ihnen schon jetzt sagen, dass wir, wenn Sie ergebnislos zurückkommen, Ihnen nicht mehr helfen können. Denn das freie Bett in dem Doppelzimmer, das Sie – ich weiß nicht warum – nicht nehmen wollen, wird dann auch vergeben sein.”
“Gut”, sagte Schwamm, “ich werde das Bett nehmen. Nur möchte ich wissen, mit wem ich das Zimmer teilen muss. Ist mein Partner schon da?”
“Ja, er ist da und schläft.”
“Er schläft”, wiederholte Schwamm, ließ sich die Anmeldeformulare geben, füllte sie aus und reichte sie dem Nachtportier zurück; dann ging er hinauf.
Nach einigem Suchen fand Schwamm das ihm zugewiesene Zimmer. Er drückte die Türklinke herab, schloss die Tür hinter sich und tastete mit flacher Hand nach dem Lichtschalter. Da stockte er plötzlich. Neben ihm sagte jemand mit einer dunklen, energischen Stimme: “Halt! Bitte machen Sie kein Licht. Sie würden mir einen Gefallen tun, wenn sie das Zimmer dunkel ließen.”
“Haben Sie auf mich gewartet?” fragte Schwamm erschrocken. Statt zu antworten, sagte der Fremde: “Stolpern Sie nicht über meine Krücken, und seien Sie vorsichtig, dass Sie nicht über meinen Koffer fallen, der ungefähr in der Mitte des Zimmers steht. Ich werde Sie sicher zu Ihrem Bett dirigieren: Gehen Sie drei Schritte an der Wand entlang, und dann wenden Sie sich nach links, und wenn Sie wiederum drei Schritte getan haben, werden Sie das Bett berühren können.”
Schwamm gehorchte. Er erreichte sein Bett, entkleidete sich und legte sich nieder. Er hörte die Atemzüge des anderen und spürte, dass er vorerst nicht würde einschlafen können.
“Übrigens”, sagte er zögernd nach einer Weile, “mein Name ist Schwamm.”
“So”, sagte der andere.
“Ja.”
“Sind Sie zu einem Kongress hierher gekommen?”
“Nein. Und Sie?”
“Nein.”
“Geschäftlich?”
“Nein, das kann man nicht sagen.”
“Wahrscheinlich habe ich den merkwürdigsten Grund, den je ein Mensch hatte, um in die Stadt zu fahren”, sagte Schwamm.
“Wollen Sie in der Stadt Selbstmord begehen?” fragte der andere.
“Gott bewahre, nein. Ich habe einen Sohn, Herr … (der andere nannte nicht seinen Namen), einen kleinen munteren Kerl, und seinetwegen bin ich hierher gefahren.”
“Ist er im Krankenhaus?”
“Wieso denn? Er ist gesund, ein wenig bleich zwar, das mag sein, aber sonst sehr gesund. Nur ist er äußerst sensibel, mimosenhaft, er reagiert bereits, wenn ein Schatten auf ihn fällt.”
“Also ist er noch im Krankenhaus.”
“Nein”, rief Schwamm, “ich sagte schon, dass er gesund ist, in jeder Hinsicht. Aber er ist gefährdet, dieser kleine Bengel hat eine Glasseele, und darum ist er bedroht.”
“Warum begeht er nicht Selbstmord?” fragte der andere.
“Aber hören Sie, ein Kind wie er, in solch einem Alter! Nein, mein Junge ist aus folgendem Grunde gefährdet: Jeden Morgen, wenn er zur Schule geht – er geht übrigens immer allein dorthin -, jeden Morgen muss er vor einer Schranke stehen bleiben und warten, bis der Frühzug vorbei ist. Er steht dann da, der kleine Kerl, und winkt, winkt heftig und freundlich und verzweifelt.”
“Ja und?”
“Dann”, sagte Schwamm, “dann geht er in die Schule, und wenn er nach Hause kommt, ist er still und traurig, und manchmal heult er auch. Er kann seine Schularbeiten nicht machen, er mag nicht spielen und nicht sprechen. Das geht nun schon seit Monaten so, jeden Tag. Der Junge geht mir kaputt dabei!”
“Was veranlasst ihn denn zu solchem Verhalten?”
“Sehen Sie”, sagte Schwamm, “das ist merkwürdig: Der Junge winkt, und – wie er traurig bemerkt – es winkt ihm keiner der Reisenden zurück. Und das nimmt er sich so zu Herzen, dass wir – meine Frau und ich – die größten Befürchtungen haben. Er winkt, und keiner winkt zurück; man kann die Reisenden natürlich nicht dazu zwingen, und es wäre absurd und lächerlich, eine entsprechende Vorschrift zu erlassen, aber …”
“Und Sie, Herr Schwamm, wollen nun das Elend Ihres Jungen beenden, indem Sie morgen den Frühzug nehmen, um dem Kleinen zu winken?”
“Ja”, sagte Schwamm, “ja.”
“Mich”, sagte der Fremde, “gehen Kinder nichts an. Ich hasse sie und weiche ihnen aus, denn ihretwegen habe ich – wenn man’s genau nimmt – meine Frau verloren. Sie starb bei der ersten Geburt. Sie fahren nach Kurzbach, nicht wahr?”
“Ja.”
“Und Sie haben keine Bedenken bei Ihrem Plan? Offener gesagt: Sie schämen sich nicht, Ihren Jungen zu betrachten? Denn was Sie vorhaben, Sie müssen es zugeben, ist doch ein glatter Betrug.”
Schwamm sagte erregt: “Was erlauben Sie sich, ich bitte Sie, wie kommen Sie dazu!” Er zog die Decke über den Kopf, lag eine Weile überlegend da und schlief dann ein.
Als er am nächsten Morgen aufwachte, stellte er fest, dass er allein im Zimmer war. Er blickte auf die Uhr und erschrak: Bis zum Morgenzug blieben ihm noch fünf Minuten, es war ausgeschlossen, dass er ihn noch erreichte.
Am Nachmittag kam er niedergeschlagen und enttäuscht zu Hause an. Sein Junge öffnete ihm die Tür, glücklich, außer sich vor Freude. Er warf sich ihm entgegen und hämmerte mit den Fäusten gegen seine Beine und rief:
“Einer hat gewinkt, einer hat ganz lange gewinkt.”
“Mit einer Krücke?” fragte Schwamm.
“Ja, mit einem Stock. Und zuletzt hat er sein Taschentuch an den Stock gebunden und es so lange aus dem Fenster gehalten, bis ich es nicht mehr sehen konnte.”