Endkontrolle
Neulich fuhr ich zur Mittagszeit mit der Bahn von Potsdam in die Bundeshauptstadt hinein. Ich blickte aus dem Fenster. Häuser zogen vorüber, die sendungsbewusste Sprayer in Graffitiruinen verwandelt hatten. Es mag spannende Graffiti geben, aber die minderwertigkeitskomplexen Buntmacher, die hier am Werk gewesen waren, sollten sich am besten zur Intensivtherapie anmelden. Dort müsste ganz viel mit ihnen gespielt und geredet werden. Man fragt sich: Warum hängen diese Kinder an der Farbflasche? Antwort: Sie wollen beachtet werden! Sie sind völlig alleine und fühlen sich Scheiße. Mutti, niemand redet mit mir, ich muss sprühen gehen. Ich will wichtig sein!
Kurz vor dem Bahnhof Zoo fiel mir ein ganz legaler Schriftzug auf. Über der Hallentür einer Werkstatt stand Endkontrolle. Auf einem Glasschild, das nachts erleuchtet werden kann. Endkontrolle – wie altmodisch das klingt. Wie aus der Zeit von Stiefelwichse, Appellplatz und Waffeputzen. Endkontrolle für den Endsieg, sorry. Rein zweckbeschreibende Technikvokabeln sind in der Öffentlichkeit selten geworden.
In der heutigen Kulissenwelt muss sich alles rundgelutscht und irgendwie sexy anhören. O2 can do, E.ON, iPhone, selbst das sperrige RTL ist mit dem vorgeschalteten mein zeitgemäß versoftet worden. meinRTL – wer entwickelt da nicht gleich eine innere Dankbarkeit …? Ein ganzer Fernsehsender schenkt sich mir! Heute mach ich es mir gemütlich auf meiner Couch mit meiner Flasche Chianti und mit meinRTL. Das kann mir niemand nehmen: mein Abend mit meinRTL – kling klang klong. Endgeil, oder?
Dagegen hat Endkontrolle natürlich keine Chance. Das findet höchstens der gestresste Investmentbanker sexy, der bei der Domina zur Endkontrolle antreten muss. Immer wenn am Vormittag die Kurse gefallen sind, rennt er mittags zum finalen Popo-Versohlen ins Studio. Am Abend nimmt ihm die Ehefrau das iPhone ab und kontrolliert, mit wem er tagsüber telefoniert hat. Am nächsten Morgen im Büro kommt der Chef und ranzt ihn an, weil die Kontrolle seiner Arbeitsergebnisse endgültig negativ ausgefallen ist. Die Gattin, der Chef, die Domina. Überall Endkontrollen – ein Teufelskreis…
Am Abend fuhr ich zurück nach Potsdam. Im Ruckelzuckel der S-Bahn klappten mir die Augenlider zu. Plötzlich, wir waren in Wannsee, polterten zwei Typen in den Waggon. Ich schreckte hoch. Beide etwa Mitte zwanzig. Sie wirkten wie die Vorhut einer Hooligantruppe, die gleich den Zug stürmen würde. Ich machte mich auf Gegröle und Gepöbel gefasst. Genau so kam es. „Die Fahrkarten zur Kontrolle!“ brüllte der eine den Gang hinter und baute sich vor mir auf. Er hielt mir ein Plastikschildchen vor die Nase, das er gleich wieder wegzog. Cool, dachte ich mir, das könnte ich mir auch basteln und vor unschuldigen Menschen den Wachhabenden spielen. Er sah zu mir herab. Seine Miene war eindeutig: Ticket zeigen, sonst Fresse dick! Ich hob meine drei Stunden vorher abgestempelte Fahrkarte zu ihm hoch. Obwohl sie inzwischen ungültig war, nickte mein Kontrollator. Die BVG beschäftigt Leute, die nicht lesen können! Phantastisch. So überlebte ich unbeschadet meine ganz persönliche Endkontrolle.
Loti Kioske, Juni 2011
(Hinweis für den Bedenkenträger: Es handelt sich hier um Satire.)
