Fitte Schweine

Moment mal, das klang doch eben wie das Klinken an der Wohnungstür! Das Geräusch war so komisch nahe. Näher, als wenn draußen jemand auf dem Flur an einer der anderen Blechtüren klinkt. Ich wälze mich im Bett auf den Rücken und hebe den Kopf. Im Nebel des Niemandslands zwischen Halbschlaf und Wachkoma lausche ich auf den nächsten Laut, der mir die Echtheit des gerade gehörten beweisen soll. Es muss so um vier Uhr morgens sein. Der Vollmond beleuchtet den bröckligen Putz am Giebel des Wohnblocks gegenüber. Im anderen Bett neben mir sägt mein Kumpel Leube friedlich Baum um Baum, Hecke um Hecke platt. Kommt da noch was? Beim nächsten Klacken muss ich mal nachschauen. Zwei, drei Sekunden angehaltener Atem. Nichts. Ruhe. Mein Kopf fällt zurück ins Kissen. Quatsch, ich hab wieder geträumt. Seltsames Zeug. Wie in den beiden Nächten zuvor schon. Geht mir jedes Mal so, wenn ich woanders schlafe. Und speziell immer hier in der albanischen Hauptstadt. Vielleicht liegt über dieser Metropole ein außerirdisches Magnetfeld, das einem das Gehirn verstrahlt. Egal, es kann ja auch durchaus sein, dass irgendein Bewohner dieser Etage just in diesem Moment nach Hause gekommen ist. Obwohl – die Türen haben doch von außen gar keine Klinken, nur Knaufe aus Metall. Die muss man aufschließen und dann, wenn der Schlüssel nicht mehr weiter kann, am Knauf aufdrücken. Aber wie das Schließen eines Schlüssels hat sich das eben nicht angehört, dieses klack-klack, hin-her, auf-ab. Wie, wenn eine Tür nach dem Klinken trotzdem zu bleibt, weil sie abgeschlossen ist. Ne ne, wer weiß, was ich da gehört habe, woher das kam. Diesen Neubaublock haben die so hellhörig gebaut, das kann von einem ganz anderen Stockwerk gekommen sein. Das kann sonst was für ein Geräusch gewesen sein, das Ächzen der Wasserleitung oder vielleicht hat jemand auf dem Gang einen sperrigen Gegenstand transportiert und ist damit irgendwo gegengestoßen, oder es war draußen einer dieser Schrottsammler mit seinem dreirädrigen Karren, der durch die Nacht fährt und ein Stück Metall zurück auf die Ladefläche geschmissen hat, das ihm beim Geschunkel durch die Straßenkraterlandschaft herunter gefallen ist. Alles möglich. Außerdem befinden wir uns im ersten Stock. Die Blechjalousie am Schlafzimmerfenster hängt auf halber Höhe, die Balkontür steht ein Stück offen. Wegen der Belüftung. Da hört man jeden Scheiß, der sich unten abspielt.
Es ist gleißend hell, als ich Stunden später aufwache. Die Sonne hat die Finsternis vertrieben und grinst nun vom azurblauen Balkanhimmel durch unser Fenster und durch all die anderen Fenster dieses Häusermeeres mit den vielen Menschen, die darin hin und her schwimmen. Ich krame das Handy aus der Jeans, die ich beim Ins-Bett-Gehen ans Fußende meines Bettes geworfen hatte. Acht Uhr zeigt das Display. Leube sägt weiter am Gehölz. Gähnend schlurfe ich an der Wohnzimmertür vorbei ins Bad. Am Vormittag wollen wir in aller Ruhe noch was einkaufen gehen bevor am Nachmittag der Flieger nach Hause startet. Da kann der Tag jetzt ganz entspannt beginnen. Ich genieße es, wie das warme Duschwasser am Körper hinab perlt und wohlige Schauer den Rücken hoch schickt. In welchem Laden hatten sie gleich die größte Auswahl an Fußballschals? Mein polnischer Kumpel Krzysztof hat mir aufgetragen, ihm zwei mitzubringen. Raki müssen wir noch holen! Ganz wichtig. Und Wein! Muss ich Geld umtauschen? Wo können wir zum Schluss was Schönes essen gehen? Aaaah, das wird ein herrlicher Tag… Ich halte den Brausekopf über meinen Menschenkopf. Der Shampooschaum streichelt meine Wangen. Plötzlich springt die Tür auf. Leube starrt mich an durch seine Nickelbrille. Seine Augen dahinter sind heute so groß wie die Gläser davor. Er zittert, ringt nach Luft. Was ist los? So kenne ich ihn ja gar nicht…

Das Angebot ist unwiderstehlich. Neunzig Euro für den Hin- und Rückflug mit der MALEV. Prag-Budapest-Tirana und retour. Ideal für ein verlängertes Wochenende. Aufbruch Freitag früh und Montagabend wieder zu Hause. Bis Prag sind es von unserem Städtchen daheim nur einhundertfünfzig Autobahnkilometer. Leube besitzt zusammen mit seiner albanischstämmigen Frau eine Eigentumsferienwohnung in einem Tiranaer Neubaublock, der im letzten Jahr fertig gestellt worden ist. Dieser Block steht direkt neben dem Wohnblock ihrer Eltern. Der stammt allerdings noch aus der düsteren Kommunistenzeit in den siebziger Jahren. Es ist zu hoffen, dass kein Erdbeben das gemeinsame Glück erschüttert.

Wie es weiter geht, steht im Buch ALARMSTUFE WEISS...