Hauptsache Hochdruck

21.06.2011 - Der Sommer kommt mit Hochdruck! Diese Schlagzeile hätte in jede Zeitung gepasst, wären für diesen Tag blauer Himmel und dreißig Grad zu erwarten gewesen. Einige Jahre später, wenn das perfekte Wetter im Computer entsteht, aber bei Sommerbeginn plötzlich graue Wolken über Deutschland hängen, wird es wohl heißen: Die Sonne scheint nicht – an der Beseitigung des Problems wird mit Hochdruck gearbeitet.   
Schon heute ist Deutschland ein permanentes Hochdruckgebiet. Früher wurden Probleme und Fehler einfach nur beseitigt. Heute wird selbst die banalste Schlechtigkeit mit Hochdruck bekämpft. 
Nach dem letzten Winter konnte man in der Zeitung lesen: Stadt arbeitet mit Hochdruck an der Beseitigung der Schlaglöcher.
Warum mit Hochdruck? Warum genügt es nicht, die Straßenschäden ganz normal gewissenhaft zu reparieren - mit Normaldruck? Das würde in der heutigen Zeit nicht gehen, denn das würde zu schlaff klingen, zu sehr nach Faulheit. Als ob lustlose Arbeiter irgendwo auf den Straßen Sand in die Löcher schaufeln und dabei über den letzten Spieltag quatschen oder über den Familienausflug ins Grüne vom vergangenen Sonntag. In der Ära des Mausklicks heißt Normaltempo: gedankenverloren dahinwerkeln, ohne sich im Geringsten um das Leid der geplagten, zornigen Mitbürger zu scheren. Asoziales Verhalten sozusagen. Normaltempo bedeutet arbeiten mit Tiefdruck. Und Tiefdruck bringt Regen, Hagel und Verderben.
Mit Hochdruck ist der Konjunkturmotor für das gute Gewissen. Hochdruck vermittelt Ernsthaftigkeit, Aggression, Heldenmut, Blut, Schweiß, Tränen. Man stellt sich Männer vor, die keinen Schmerz und keinen Schlaf kennen, die sich opfern für das Volk und die bis zum letzten Atemzug die Löcher stopfen bis sie tot zusammensinken. So will man es hören. Arbeit muss hetzen und weh tun, sonst hat sie keinen sittlichen Gehalt. Selbst wenn dadurch manchmal nur noch mehr Schaden entsteht – Hauptsache Hochdruck.
Im Geburtsland des Perfektionismus sind Probleme nicht eingeplant. Und tritt doch mal eins auf, dann kommt die große Angst. Die Angst vor dem Makel, vor der Schramme an der polierten Oberfläche. Doch das Zauberwort Hochdruck beruhigt die Gemüter. Da ist der Schaden schon so gut wie behoben. Mit Hochdruck zurück zum Hochglanz.
Vielleicht erobert mit Hochdruck bald weitere Bereiche des täglichen Lebens. Eventuell löst es einmal das zwanghafte Gerne der Servicemitarbeiter in den Geschäften ab. Beim Bäcker beispielsweise. „Vier Brötchen bitte!“ „Mit Hochdruck, mein Herr.“

Loti Kioske, Juni 2011

PS: Atze Müller rennt mit Hochdruck durch die Straßen und stiert auf kurze Röcke…