Reisewarnung

Ohne Plan läuft nichts. Der Plan ist alles. Denn nur mit Plan und Sicherheit lässt sich kacken weit und breit. Soweit das deutsche Selbstverständnis.
Die Deutschen leben nicht das Leben, sondern nur den Plan davon. Deshalb landet der Durchschnitts-Germane, wenn er in den Urlaub fährt, zielsicher in einem der südlichen All-Inclusive-Gefängnisse. Dort ist alles sicher und geplant: Die Sicherheit, das Rührei, die Sicherheit, das Schnitzel, der Tagesplan, die Sicherheit, die deutsche Animation, die deutsche Reiseführung, der Folkloreabend mit den Ausländern, die Sicherheit, der Preis und saufen bis die Stelzen knicken. Ganz sicher ist vor allem eines: Man trifft auf die gleichen Bleichgesichter, wie man sie von zu Hause kennt und mit denen beim Caipi an der Poolbar der selbe Hackepeter durchgekaut wird, von dem man eigentlich zwei Wochen lang nichts hören wollte. He, was sagste denn zu Schalke, also diese Arschgeigen-FDP, der Bohlen – so ein Blödmann, aber der hats echt drauf und die PKW-Maut, die kommt bestimmt – das ist sicher, mein Freund, da kannst du einen drauf lassen…
Schrecklich, aber schön. Jeder kann so bleiben wie er ist und niemand beschädigt sich das Vakuum im Oberstübchen. Und wenn das Hefeweizen am hoteleigenen Beach mal nicht auf deutscher Temperatur gewesen war, wird das sofort dem Anwalt nach Hause gemailt und an die Facebook-Gemeinde getwittert.
Wieder zurück, posten sie nach zwei Tagen Arsch breit sitzen im Büro ihren neuen Malle-Freunden, dass der ganze Erholungseffekt ja fast schon wieder weg sei. Hach, der Stress und der Chef nervt schon wieder … schlimm, schlimm. Aber da müssen wir durch. Die Pflicht ruft. Bis zum nächsten Mal.
Kein Erholungseffekt? Ja, warum wohl. Weil man im Urlaub den gleichen Scheiß wie sonst auch gemacht hat: Einen pendantischen Tagesablauf, bei dem selbst der kleinste Furz bis in die letzte Verästelung durchgeplant ist.
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Jedem Planurlauber kann ich empfehlen, darüber nachzudenken, ob das wirklich so das beste ist – um es beim nächsten Mal vielleicht anders zu probieren. Ich möchte im Folgenden eine Reiseempfehlung geben für all jene, die es betrifft. Befreie dich, lieber bisheriger Planurlauber, in deiner nächsten Urlaubszeit von all deinen eingeschliffenen Gewohnheiten, Zwängen und Selbstverständlichkeiten. Versuche mal, mit so wenig Planung wie möglich auszukommen. Es wird schwer, aber es funktioniert. Nicht so viel wie möglich planen und kalkulierbar machen, um ein höchstmögliches Maß an eingebildeter Sicherheit zu erzielen – sondern so wenig planen wie du kannst. Das ergibt Freiheit, die wenig kostet, mit der man sich nachhaltig und wirklich erholt. Vergiss das Wort Urlaub beim nächsten Mal, bezeichne es besser als Reise – ein Stück deiner Reise durch dieses Leben. Es ist ein kostbares Stück Leben.
Ich habe die Erfahrung gemacht:
Wenn dir alles auf den Keks geht, steig ins Auto und fahr allein ins Ausland wo dich keiner kennt und wo du die Landessprache nicht verstehst. Dort kannst du Ruhe in deinen Geist einziehen lassen – kannst in aller Gelassenheit mal über die Dinge nachdenken – kannst das Neue, Unbekannte inhalieren – kannst dich davon inspirieren lassen – während des Fahrens, der Spaziergänge, der Wanderungen – und du verfällst nicht in die Reaktionsgewohnheiten und die Aggressionen der vertrauten Umgebung.
Buche vorab nur das, was sich nicht vermeiden lässt. Eventuell ein PKW-Ticket für die Autofähre während der Hochsaison. Aber keine Übernachtungen.
Fahre mit dem Auto oder mit dem Zug, nimm nicht das Flugzeug. Mit Auto oder Zug bekommt man noch halbwegs ein Gefühl für die Entfernung, das im Zeitalter des Mausklicks im www weitestgehend verloren gegangen zu sein scheint. Zurück zum Ursprung. Das tut gut.
Manchmal ist es nötig, echten Abstand von den täglichen absurden Wichtigkeiten zu gewinnen – nicht nur geistig sondern auch räumlich. Abhauen! Wenn man an seinen freien Tagen zu Hause bleibt, arbeitet man zwar nicht (im Idealfall), kommt aber nie wirklich los von den Dingen. Es wohnt auch der privaten Umgebung Routine, die von Zeit zu Zeit hundertprozentig abgeschüttelt werden muss. Dem Leben seinen freien Lauf lassen, sich fallen lassen, vieles dem Zufall überlassen und auf das Schicksal vertrauen. Wem die Medien den Überlebensinstinkt noch nicht völlig amputiert haben, dem wird auf der Reise nichts Schlimmes passieren. Ganz im Gegenteil. Man lernt nebenbei viele Dinge, die einem in keinem noch so teuren Seminar vermittelt werden können. Zum Beispiel die Kommunikation mit fremden Menschen auf der Straße, die eine andere Sprache sprechen, die eine andere Mentalität haben – mit dem MUSS, von ihnen Informationen zu erhalten, mit denen man etwas anfangen kann, um auf der Reise weiterzukommen, um die nächste Station zu erreichen: Die Suche nach einem Hotel, nach dem richtigen Weg, nach einer Sehenswürdigkeit, nach einem Schwimmbad, nach einem Bankomaten, nach einem Taxistand, nach interessanten Kneipen und Veranstaltungen und so weiter. Man trainiert, sich seinen Weg selbst zu suchen und sich durchzuschlagen. Es bauen sich oft Schwierigkeiten und Probleme auf. Völlig normal – es ist ja kein albernes, abgeschottetes All-Inclusive-Halligalli. Aber man wird die Probleme lösen, weil man sie in diesem Moment lösen muss. Auf diese Weise lernt man viel fürs Leben, viel mehr, als es einem in diesem Moment bewusst ist. Natürlich gibt es heute überall Internetcafes oder das Hotel hat WLAN für den mitgenommenen Laptop, aber viel lebendiger ist doch das Persönliche. Leute treffen. Von Angesicht zu Angesicht. Am Rechner vergibt man sich Chancen zum direkten Kontakt. Und – auf die natürliche Art der Recherche erfährt man und erlebt man Dinge, zu denen man nie und nimmer über das Internet gekommen wäre…
Trenne dich von der starren deutschen Plan- und Zielfixiertheit. Reduziere das Ziel auf eine Idee. Selbstverständlich muss man immer eine Richtung einschlagen, sonst rennt man ja irre im Kreis oder bleibt auf der Stelle stehen. Aber weg mit den Scheuklappen und dem Tunnelblick zur freudlosen Zielerreichung. Hinbewegen zu einer Idee des Ankommens an einem Ort der Träume. Wobei es nicht schlimm ist, wenn dieser Ort am Ende der Reise nicht erreicht sein wird. Unterwegs offen sein für Eventualitäten, die Richtung ändern, wenn sich Interessantes ergibt, sich treiben lassen…
So selten wie möglich auf Uhren schauen. Ich habe erfahren, dass die Zeit um so langsamer vergeht, je seltener man auf die Uhr schaut. Krass. Ich weiß nicht warum, aber das Zeitgefühl ändert sich durch Uhrenabstinenz. Das ist etwas ganz Wertvolles! Es sorgt für eine wunderbare Entspannung. Die Zeit dehnt sich ebenso, je weniger Details man vorausplant. Meine letzte Reise dauerte zwei Wochen – sie kam mir hinterher vor wie drei Monate. Zu Hause ist ein Arbeitstag im Handumdrehen vorbei und abends weiß man oft überhaupt nicht, was man die ganze Zeit gemacht hat.
Das Mobiltelefon abschalten und höchstens aller paar Tage kontrollieren. Das heißt Freiheit! Frei sein vom Zwang der ständigen Erreichbarkeit. Es drauf ankommen lassen. Na und? Da bist du eben mal nicht zu sprechen. Die Welt geht davon nicht unter, sie wird sich weiter drehen. Der Anrufer muss merken, dass du jemand bist, der eine eigene Persönlichkeit ist und der sich auch mal vom Netz nehmen muss. Du bist kein dienender Lakai. Für nichts und niemanden!
Nimm dir um Gottes Willen keine Arbeit mit auf die Reise. Da kannst du gleich zu Hause bleiben. Jetzt ist deine Lebens-Zeit!
Unterwegs kein Fernsehen schauen. Fernsehen verblödet, egal wo, ob zu Hause oder auf der Reise. Es ist tote, weggeworfene Zeit. Die im TV inszenierte Nonstop-Katastrophenflut erreicht dich nach der Rückkehr noch früh genug. Stattdessen ein paar gute Bücher aus Papier mitnehmen, die man schon immer lesen wollte und die auch zur Reise passen. Keine Science-Fiction-Literatur, die einen in surreale Welten beamt. Die Reise ist Wirklichkeit – es gibt nichts Spannenderes, wenn man aufmerksam ist.
Kein Navigationssystem im Auto benutzen. Man trainiert damit wieder, sich natürlich zu orientieren. Man weiß wo man ist, fährt nach Karte, fragt Leute, kommt so in Kontakt mit Menschen und treibt nicht navigesteuert wie in einer hermetisch abgeschlossenen Raumkapsel durch die Gegend, wo man hinterher gar keine Ahnung hat, wo man lang gefahren ist. Natürlich gesteuert merkt man sich den Weg gut und findet ihn beim zweiten Mal höchstwahrscheinlich ohne Karte. Fahren ohne Navigationssystem ist Gehirnjogging, wie es üblicherweise heißt.
Fahre nicht zu den bekannten Zielen der Tourismusbranche. Dort besteht die Gefahr, genau die Landsleute zu treffen, die dich mit ihrem eingangs erwähnten Gelaber fixieren und damit in den üblichen Trott hineinziehen wollen: Schalke, FDP, Bohlen, PKW-Maut und so weiter. Dann wäre das Gute besiegt. Fahre in eine entlegene oder allgemein unbekannte Gegend. Triffst du selbst dort auf die üblichen Verdächtigen – meide sie – sage Guten Tag und dann gleich tschüss.
Wenn man die Reise wagt, ist es bezaubernd, nur von Fremden umgeben zu sein, die eine andere Sprache sprechen, die man nicht versteht. Die aufgeschnappten Gespräche oder Wortfetzen gleiten vorbei, ohne dass man sich gleich mit deren Inhalt beschäftigen muss und dadurch abgelenkt wird vom Inhalieren der Stimmung in fremder Umgebung.
Man hat die kostbare Chance, ausschließlich im Hier und Jetzt zu leben. Zu Hause im Arbeitsalltag oder auch in der heimischen Freizeit, befindet man sich geistig doch meistens an anderen Orten. Irgendwo anders, nur nicht an dem Platz, auf dem man gerade steht. Zielfixiertheit und hundertprozentige Planung zum einen und Internet und Mobilfunk zum anderen sind „schuld“ daran. Auf der Reise kann man den Kopf frei räumen für Neues, alten Denkschrott entsorgen. Man hat alle Zeit der Welt, sich ungestört an schönen Kleinigkeiten zu erfreuen. Die blühenden Kastanien, die sich im Wind wiegen – die in der Pfütze badende Amsel – Schach spielende Männer im Park – Frauen beim Flanieren auf dem Marktplatz – der rauschende Gebirgsbach – das Wellenspiel des Wasserläufers auf dem Teich – die Ameise, die einen Grashalm zieht. Kein fremdgesteuerter Urlaubsterminplan drückt. Niemand nervt, keiner hetzt. Wann und wohin es weitergeht bestimmst nur du selbst.

In anderssprachigen Ländern gewinnt man Abstand vom deutschen, einengenden Perfektionismus. Fahre dorthin, wo die Leute „ärmer“ sind. Sie sind um so reicher an Lebensfreude. Sei dabei. Sei dabei, wo es herzlich, kantig, wirklich, ehrlich, wahrhaftig, authentisch ist. Zieh es rein mit allen Sinnen.
Auch für Leute, die Kinder haben, ist diese Reise möglich. Es ist eine Frage des Willens und des Mutes. Jeder Mensch braucht Zeit, die er nur für sich hat.
Wage es, auf die Reise zu gehen. Lasse Unordnung zu und lebe.
Wenn du wieder zu Hause bist, versuche auch dort den Weg der Reise zu gehen so oft sich die Gelegenheiten bieten. Warum lebt man denn letzten Endes? Man will sich wohlfühlen, Freude haben und ein paar Spritzer Glück abbekommen.
Loti Kioske, Juni 2011
Wer immer nur funktioniert, entzieht sich dem Abenteuer des Lebens.
(Armin Mueller-Stahl)
Und noch was: Die Ideen für diesen Text kommen ausschließlich aus dem eigenen Erleben und den eigenen Schlüssen daraus. Aus keiner Fremdliteratur – da ich gerade “Die 4-Stunden Woche” von Timothy Ferriss lese, am 12.02.2012, ein halbes Jahr nach der Entstehung dieses Textes.
Auf dieser Seite habe ich zwei Reisereportagen eingestellt. Über Finnland und Albanien.
